Streß und chronische Schmerzen

Was ist Streß?

Streß ist eine unwillkürliche und unspezifische Reaktion des Organismus auf mehreren Ebenen. D.h. Körper und Psyche reagieren gleichermaßen auf die Streßbelastung: es sind z.B: die Muskulatur, das Hormon- und das Nervensystem - aber auch die Gefühle, die Gedanken und das Verhalten betroffen.

Diese Reaktion ist durch die Besonderheiten des Organismus geprägt (aktuelle Belastbarkeit, genetisches „Rüstzeug“, Gesundheitszustand / bestehende chronische Erkrankung bzw. Schmerzen, individuelle Erfahrungen / Bewertungen / Einstellungen, subjektiv eingeschätzte Fertigkeiten und Kontrollerwartung u.v.m.) und erfolgt auf Stressoren hin (d.h. auf alle möglichen Anforderungen, die das Gleichgewicht und das Wohlergehen des Organismus beeinträchtigen können, v.a. dann, wenn eine emotional belastende Diskrepanz zwischen den Anforderungen einer Situation und den im Augenblick verfügbaren bzw. wirksamen Bewältigungs- und Handlungsmöglichkeiten besteht).

Dies führt oftmals zu ungünstigen, die Schmerzen verstärkenden und sogar gesundheitsschädlichen langfristigen Reaktionen und Konsequenzen auf den verschiedenen organismischen Ebenen bei Dauerbelastung (vgl. dazu z.B. Kaluza, 1996; Wagner-Link, 2001).
 

Gerade die körperlichen Anteile der Streßreaktion (muskuläre Anspannung bzw. Verspannung, vegetativ-sympathische Aktivierung, endokrinologische Streßreaktion, immunologische Streßreaktion) können bei chronischen Schmerzen von großer Bedeutsamkeit sein - sowohl bei der Entstehung einer chronischen Schmerzerkrankung als auch bei deren Aufrechterhaltung.

Wie ausgeprägt der Einfluß von Streß jedoch ist, hängt maßgeblich von der individuellen Streßverarbeitung ab: diese betrifft sowohl die Wahrnehmung von Streßbelastung, deren subjektive Bewertung sowie die Bewältigung dieser Streßbelastung (z.B. Suche nach ange-messenen Lösungsmöglichkeiten, Einsatz sozialer Fertigkeiten, hilfreiche Einstellungen und Selbstinstruktionen, Versuche zur Anpassung an die Situation bzw. Versuche zum Abbau der Streßreaktion selbst wie Entspannung, Emotionsregulation, Ablenkung, Abreaktion, Flexibilität in der Methodenauswahl).
 

Warum ist Streß bzw. die Belastung durch Stressoren gerade für Personen, die unter chronischen Schmerzen leiden, ein sehr wichtiges Thema?

1.) Die bestehende chronische Schmerzerkrankung vermehrt das Ausmaß an Belastung:

a)  Schmerzen selbst sind ein Stressor!

Schmerzen löst eine umfassende psychophysiologische Streßreaktion aus. Chronische Schmerzen senken dadurch oft dauerhaft sowohl die psychische als auch die körperliche Belastbarkeit und damit die Kapazitäten, dem anfallenden alltäglichen Streß effektiv zu begegnen. Erschöpfung, Dünnhäutigkeit und wiederum verstärkte Schmerzen sind oftmals die Folge.

Häufig reagieren Personen, die an chronischen Schmerzen leiden, leichter (d.h. schneller und früher), empfindlicher (auch auf „milde“ Stressoren), heftiger (exzessivere körperliche Streßreaktion), länger (die Streßreaktion ebbt nur langsam wieder ab) oder sogar qualitativ anders auf eine Streßbelastung. Es besteht bei Schmerz patienten zudem eine erhöhte Neigung zu Hilflosigkeitsgefühlen, zu Resignation, zu Vermeidungsverhalten oder Rückzug, z.T. liegt ein Mangel an Ausdrucksmöglichkeiten für „negative“ Gefühle vor - dies kann sich langfristig wiederum streß- wie auch schmerz vermehrend auswirken.

b) Die Folgen einer chronischen Schmerzkrankheit können oftmals zum Stressor werden!

Nicht nur die bestehenden Schmerz en selbst sondern auch die durchgeführten diagnostischen Maßnahmen bzw. häufig die diagnostische Unklarheit sowie die schmerzbezogenen Behandlungsmaßnahmen stellen weitere, chronischen Schmerzerkrankheiten immanente Stressoren dar.

Eine massive Streßbelastung entsteht in vielen Fällen durch Probleme am Arbeitsplatz, durch Krankschreibung / Arbeitsunfähigkeitszeiten, Umsetzung am Arbeitsplatz, Verlust des Arbeitsplatzes, Umschulungsmaßnahmen usw. bis hin zur Begutachtung, Beantragung eines GdB (= Grad der Behinderung) oder einer Erwerbsunfähigkeitsrente.

Und auch im sozialen Umfeld steigt durch eine chronische Schmerzerkrankung das Streß niveau für alle Beteiligten. Personen, die unter chronische Schmerzen leiden, müssen z.T. umgehen lernen mit Sorge, Hilflosigkeit oder sogar Unverständnis im Familien-, Freundes- oder Kollegenkreis, mit Unterstellungen der Simulation bzw. Aggravation, mit Appellen („Reiß Dich zusammen!“, „Hab´ Dich nicht so!“), Ratschlägen („Kein Wunder, daß ..., mach doch lieber...“, „Hast Du ... schon mal ausprobiert, diese neue Methode...“) oder gut gemeinter, aber übertriebener Fürsorge.

c) Fehlen von Ausgleich und streßinkompatiblen Erlebens!

Durch solche chronischen Belastungen fehlt zudem oftmals die Zeit und auch die Energie für Ausgleich, Entspannung und Erholung, wodurch sich bestehende Schmerzen wiederum verstärken können. Der Teufelskreis aus Schmerzen, Streß, den körperlichen Streßfolgen (z.B. muskulären Verspannungen oder einem ungünstigen Erregungsmuster im vegetativen Nervensystem), mangelnder oder mißglückter Streßbewältigung, Erschöpfung und Verschlechterung des psychischen Befindens und verstärkten Schmerzen schließt sich!
 

2.) Die individuelle Streßverarbeitung einer Person nimmt maßgeblichen Einfluß auf die streß bedingte Chronifizierung von Schmerzerkrankungen:

Ist die Streß verarbeitung einer Person, die unter chronischen Schmerzen leidet, ineffektiv, nicht ausreichend situationsangepaßt oder führt sie zu Streß vermehrung, zu Schmerzverstärkung oder langfristig zu eindeutig nachteiligen Konsequenzen für den Gesamtorganismus (z.B. weitere Schmerzchronifizierung), so wird von einer „maladaptiven Streß verarbeitung“ gesprochen. Diese ist als ein wesentlicher psychosozialer Chronifizierungsfaktor bei bestehenden Schmerzen anzusehen (vgl. Klinger et al., 2000). 

Zudem können gesundheitliche Risikoverhaltensweisen gerade in Belastungssituationen als Teil der Streß reaktion und auch im Rahmen einer Schmerzerkrankung als Teil des Versuchs, mit den Schmerzen umzugehen, auftreten: z.B. Zigarettenrauchen zur Ablenkung, Alkoholkonsum zur Beruhigung und Entspannung, übermäßiges oder hochkalorisches Essen als einzig möglicher Genuß, Medikamenten-Konsum aufgrund von Hilflosigkeit den Schmerzen gegenüber, mangelnde Fitneß bzw. übermäßige körperliche Schonung aufgrund der Angst vor Schmerzverstärkung u.v.m.. Diese Risikoverhaltensweisen mindern jedoch langfristig die Belastbarkeit des Organismus noch weiter, senken seine Widerstandskraft den bestehenden Schmerzen gegenüber und führen in aller Regel eine noch raschere Erschöpfung und Schmerzchronifizierung herbei - ganz abgesehen von anderen langfristigen gesundheitlichen Folgen.
 

3.) Bei vielen Schmerzerkrankungen ist Streß maßgeblich an der Entstehung der Schmerzen oder deren Chronifizierung beteiligt bzw. verbesserte Streßbewältigungsfertigkeiten führen zu einer Schmerzlinderung!

a) Die Bedeutung von Stressoreneinfluß bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von chronischen Schmerzerkrankungen wird diskutiert z.B. bei Kopfschmerz vom Spannungstyp, chronischen (v.a. unspezifischen) Rückenschmerzen und atypischem Gesichtsschmerz und ist sogar als auslösendes Moment anzusehen bei psychosomatischen Schmerzen bzw. anhaltender somatoformer Schmerzstörung.

b) Für eine Schmerzverstärkung bei bestehender Schmerzerkrankung bzw. Anstieg des Risikos für gehäufte Schmerzanfälle im Rahmen der psychophysiologischen Streßreaktion besteht beispielsweise Evidenz bei Migräne, bei prä- und perimenstruellen Schmerzen, bei Neuralgie n und Neuropathien, bei Schmerzen im Rahmen einer Colitis ulcerosa oder eines Morbus Crohn, bei chronischer Polyarthritis, bei komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS I und II), bei Deafferenzierungsschmerzeen / Stumpfschmerzen / Phantomschmerzen, beim Fibromyalgie-Syndrom (FMS), bei Kiefergelenksschmerzen / kraniomandibuläre Dysfunktion, bei chronischen Unterbauchschmerzen (Pelvipathie), bei Analschmerzen uvm.
 

4.) Konsequenzen für die Behandlung:

Aus diesen Gründen ist es im Rahmen einer effizienten interdisziplinären Schmerztherapie die Aufgabe der psychologisch-schmerztherapeutischen Therapie, eine umfassende Analyse der bestehenden Streßbelastung durchzuführen, die bestehenden körperlichen wie psychischen Auswirkungen zu identifizieren und auf dieser Basis die adäquaten Bewältigungs- und Lösungsstrategien sowohl für den Streß als auch die bestehenden Schmerzen zu vermitteln.

Diese können unterschieden werden in Strategien, die eine kurzfristige Erleichterung bezüglich der Streßbelastung bewirken und Strategien, die langfristig zu einer grundlegenderen Veränderung führen können.

Die Klärung, Erprobung und die Aneignung der für die entsprechende Situation oder Person geeigneten Streßbewältigung sstrategien - unter Miteinbeziehung der Limitationen und Besonderheiten einer bestehenden chronischen Schmerzerkrankung - kann Gegenstand einer speziellen, verhaltenstherapeutisch ausgerichteten psychologischen Schmerztherapie sein.

Hier noch eine sehr gute psychologische Literaturempfehlung: Schmerzen überwinden (einfach anklicken)

Ein Beitrag von Achim Stenzel, Chefpsychologe der Schmerzklinik am Arkauwald

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